Presse
MUL
Nürtinger Zeitung
13.11.07

Grafic Sound meets Fetish Acoustique: Konzert-Ausstellung im Zentralsaal der Stadthalle K3N


(...) Alle drei Musiker und Performer verfügen über eine gediegene klassische Musik- und Kunstausbildung. Die Schau- und Ausstellungsräume boten streng und akkurat dargebotene Bild- und Tonträger. Schellack-LP-Rohlinge, grafisch bearbeitet, schwarz auf weißer Wand, und CD-große Folien, weiß mit feinen Lineaturen in Schwarz bearbeitet. Tonträger, auf denen Partituren und allerfeinste Notationen zu sehen sind, wo unsereins Rillen erwarten würde. Diese Zeichnungen und Gravuren, dazu noch einige als Fetish bezeichnete alte BASF-Tonbänder führen die geneigte Fantasie dann aber doch in die eigenen musikalischen Erinnerungen, durchaus auch hin zum väterlichen Uher-Tonband oder zu den Stunden, die man vor dem Röhrenradio verbracht hat, lauschend auf die Freiheitsklänge und Protestemotionen aus dem meistens amerikanischen Äther. Aber Schwelgen ist nicht, was weiterführt.

Michael Gompf bereitet das Publikum, ebenso wie Reimund Ostermann, kundig und behutsam auf die Besonderheit des Experimentellen und der Improvisation vor. Schließlich beginnt die Performance, und es verwundert, was zu hören ist, verstört und begeistert von Minute zu Minute mehr. Nikola Lutz legt die grafisch bearbeiteten Schallplatten auf und macht mit der Plattennadel, was sich unsereins aus Gründen der Plattenpflege nie getraut hat: Knacken und Rauschen, Stöhnen, Schaben, Jaulen sind nur schwach ausreichende Beschreibungen für die erstaunliche instrumentelle Behandlung des Turntables. Mit Sampler und anderen mit dem Pedal bedienten Techniken, aber auch mit dem virtuos gespielten Saxofon entsteht tatsächlich eine power- und facettenreiche Verbindung von Bild und Klang. Beide bauen auf Strukturen, Geweben, Texturen, Rhythmen, die anschwellen, sich lösen. Wie holt man aus dem scheinbar Abgelebten, Toten neues, freies Leben heraus, das ist eine Frage der Kunst, sie unterscheidet sich vom Wiederholen dessen, was man so meint und was sich Schönes für die Werbung eignet.

Steffen Moddrow drückt es so aus: Ich wühle mich als One-Man-Big-Band durch Jazz- und Rock-n-Roll-Reste der letzten 40 Jahre. Er, der klassisches Schlagzeug in Kassel studiert hat, röhrt und spielt nicht, was man erwartet, sondern er spielt, wie die Kolleginnen im freiesten Sinn, weit über das Instrument hinaus und es darf auch mal richtig grooven. Dazu gehören viele kleine handliche Eigentümlichkeiten, Automaten mit denen er die fiepsende und klingelnde Welt der Geräte, die längst ein Eigenleben in unser aller Lebensumgebung angenommen haben, hereinholt. Musik ist nicht mehr die erhabene und geschlossene Komposition oder deren Gegenteil, das achtlose Grundrauschen im Kaufhaus oder einer Sauna es ist das Leben selbst musikalisch, für den, der Ohren hat zu hören. Geradezu rührend, was sich einem eröffnet, wenn er mit einem handlichen inzwischen antiquierten Kassettenrekorder die einstmals berühmte Hugo-Strasser-Big-Band zitiert. Und im humorvollen Zitieren abgelegter Hauptsachen, Reste und Abfälle leuchtet plötzlich das Besondere auf, die Poesie des Unauffälligen.

Wäre noch Rebekka Uhlig zu erwähnen, Malerin, Performance-Künstlerin mit klassischer Gesangsausbildung. Bewundernswert, wie sie mit ihrer Stimme, ihrem Körper dem Klangereignis dient, sich ein- und unterordnet als Klangelement unter anderen Klangelementen. Geradezu kreatürlich, was sie aus der Kehle holt, wie sie ganz elementarisch luftig, wässrig, erdig, feurig Teil der vergänglichen Präsenz des Musikalischen ist. Alle drei gemeinsam, suchende, spielende hochenergetische Künstlerpersönlichkeiten, die das Improvisieren bewusst betreiben, sich nicht verlieren im Beliebigen, die den Zuhörer einladen, sich mit auf den Weg zu machen ins Offene.

(Kai Hansen)
Misplaced X - UA von Seismic Energy
Süddeutsche Zeitung
10.02.04

Infizierter Lebensraum


(...) Aber es gelang, den alten, launig neugierigen Hausgeist im Gepäck mitzunehmen. Er darf weiterspuken und manifestierte sich über vier Tage hinweg in den irritierenden Soundskulpturen von Fabian Chyle und Nikola Lutz "Misplaced X": Glaskästen, gefüllt mit Plastik-Müll, alten Zeitungen oder klumpender Farbmasse und mit dreiviertel-nackten Menschen, die sich mit gliederverrenkenden schleppenden Bewegungen im engen Gehäuse umzulagern suchten und über die Stunden mehr und mehr mit dem Müll verschmolzen. Musik, teils in drastischer, massiver Sample-Überlagerung schuf von unten her eine Hüllkurve. Das waren, aufgestellt neben der Imbiss-Ausgebe oder in der Toilette, gewiss keine Appetitsverstärker oder Harndranglöser. So paarte sich die Lust des Voyeurs mit abschnürender Beklemmung. Es waren Skulpturen, an denen man nicht vorbei konnte.
(Reinhard Schulz)
Misplaced X - UA von Seismic Energy Frankfurter Allgemeine Zeitung
11.02.04


(...) Das Eclat-Festival begann schon mit Betreten des Foyers: In einem körpergroßen Glaskasten agieren ein Mann mit Hut und Anzug und eine halbnackte Frau. Sie führen, getrennt durch eine durchsichtige Wand, ein "Drama" mit kräftigen sexuellen Verrenkungen auf. Körperhaltungen, Gesten, Bewegungen erinnern an Robert Longos "Men in the cities"-Bilder. Dann krümmen sich einzeln und fast nackt ein Mann und eine Frau in kleinen gläsernen Kuben, wühlen sich immer tiefer in wachsende Zeitungshaufen ein, auch in den Toiletten und in einem überfluteten Becken agieren die Performance-Künstler der Fabian-Chyle-Truppe zu Geräusch-Wort-Stimm-und Klangaktionen von Nikola Lutz. "Misplaced X" nennen Chyle und Lutz ihre Performance-Installation mit "Sound Skulpturen". Der vorbeigehende oder zuschauende Betrachter gehört mit zum Körper-im-Raum-Spiel, Phänomene wie Nähe und Distanz, Intimität und öffentliche Präsentation werden reflektiert, in gewisser Weise auch kritisch.  Deformationen der Psyche durch äußeren Druck führen zugleich in die physische Verzerrung und Verkrüppelung.
(Gerhard Rohde)
Misplaced X - UA von Seismic Energy Stuttgarter Nachrichten
05.02.04

Berührungsflächen im öffentlichen Raum : die Performance-Installation "MisplacedX"


Das Objekt ist aus Fleisch und Blut, und es bewegt sich. In Vitrinen im Theaterhaus stehen, liegen, hocken Menschen. Man darf sie betrachten, man darf nah herangehen an die Glaskästen, die eine Klangkollage aus Alltagsgeräuschen und Textfetzen umgibt. Doch welche Nähe hält man aus ? Wie weit wagt man sich vor in den intimen Bereich der ganz eigenen Körperwelten, die Fabian Chyle im Theaterhaus zur Schau stellt ? (...)
Den Aspekt der Fragmentarisierung und der Dekonstruktion, den seine lebenden Objekte bei ihren bis zu acht Stunden langen Aufenthalten hinter Plexiglas auch mitteilen sollen, hat Nikola Lutz auch der Klangwelt eingeschrieben, welche die Vitrinen umgibt: Geräusche vom Putzen, Kochen, Rasieren oder Schlafen werden mit rein elektronischen Klängen zu "Soundskulpturen" geformt - und schaffen eine assoziative akustische Umgebung, in der jeder Zuschauer seinen eigenen Fantasien nachgehen kann und soll.
(Susanne Benda)
Misplaced X - UA von Seismic Energy Reutlinger Generalanzeiger
10.02.04


"Sie wollen auch die Installation sehen ? Dann müssen Sie das hier anziehen!" Die freundliche junge Helferin assistiert dabei, Plastiktüten mit Gummibändern über die Schuhe zu stülpen, lotst einen durch eine Schleuse und schon steht man knöcheltief im Wasser. In einem Raum so schwarz wie ein Brickett von innen. Elektronische Geräuschfetzen fliegen herum, von der Decke hängen drei grell beleuchtete Plexiglasboxen, fast wie die Alien-Brutkästen im Science-Fiction-Schocker. Nur daß in diesen keine Monsterlarven zucken sondern je eine nackte Frau und zwei nackte Männer. Durch das leicht getrübte Plexiglas erkennt man unscharf, wie sie sich räkeln, mit der Digicam hantieren oder grelle Laute in ein Mikrofon ächzen.
Die Installation von Fabian Chyle und Nikola Lutz, die den Betrachter auf beunruhigende Weise zum Voyeur seiner zum Objekt degradierten Artgenossen macht, ist Teil des ECALT-Festivals für Neue Musik, das am Sonntagabend im Stuttgarter Theaterhaus zu Ende ging. Und auch wenn elf Konzerte inklusive 20 Uraufführungen so manchen Schockeffekt bereit hielten, ist die Botschaft eine erfreuliche: Wie die Installation von Lutz/Chyle zielte auch ein großer Teil der Musik nicht etwa trocken und gelehrt auf den Intellekt, sondern sinnenfroh auf die Emotion. Neue Musik wurde hier als Klangabenteuer gefeiert.
(Armin Knauer)
Misplaced X - UA von Seismic Energy Dissonance # 86
Juni 04


(...) Festival-Leiter Hans-Peter Jahn, immer auf der Suche nach dem Unkonventionellen und Sperrigen, nutzte sie vor allem für das, was trotz aller viel beschworenen Innovationskraft gewöhnlich unbefriedigend bleibt : Klanginstallationen und Performances. Einen Mann und eine Frau, mehr oder weniger bekleidet, setzt der Choreograph Fabian Chyle in Misplaced X dem Voyeurs-Blick des Publikums aus. In enge Glaskästen gepfercht kämpfen sie mit verschiedenen Materialien, Zeitungspapier oder Stoffballen, unterliegen darin oder winden sich mühsam heraus. Die Dinge oder ich, heißt es in diesem begrenzten Raum. Chyle selbst muß Unmengen blutrot gefärbter Vaseline auf seinem nackten Körper aufhäufen, um sich in seinem ganz und gar verklebten Behältnis freien Ausblick zu verschaffen. Was zunächst als billige, abgestandene Provokation erscheint, entwickelt zum blubbernden, schmatzenden, knarrenden Soundtrack von Nikola Lutz immer mehr die Qualität realer Bedrängnis, vielleicht weil sich diese "menschliche Sound-Skulptur" während der fünf Festival-Tage kontinuierlich in alle Räume ausweitet und im Härtegrad steigert, den Zuschauer quasi verfolgt.
(Isabel Herzfeld)